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Grundlagen

Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204: Typen, Pflicht & Digitalisierung

Abnahmeprüfzeugnis 3.1, Werkszeugnis 2.2 & Co. nach EN 10204 erklärt: Inhalte, Schmelznummer, wann welcher Typ Pflicht ist — und wie Sie Zeugnisse digital verwalten und automatisieren.

5 min Lesezeit
von ZeugnisManager Redaktion

Was sind Werkstoffzeugnisse nach EN 10204?

Werkstoffzeugnisse sind Prüfbescheinigungen für metallische Erzeugnisse. Sie belegen, dass ein geliefertes Material bestimmte chemische und mechanische Eigenschaften erfüllt — und wer diese Eigenschaften wann geprüft hat.

Die DIN EN 10204:2004 (früher DIN 50049) ist die internationale Norm, die vier Arten von Prüfbescheinigungen definiert. Sie gilt für alle Metallerzeugnisse: Bleche, Profile, Rohre, Stäbe und Drähte aus Stahl, Edelstahl und Aluminium.

Die vier Zeugnistypen

Typ 2.1 — Konformitätsbescheinigung

Der Hersteller erklärt, dass das Erzeugnis der bestellten Spezifikation entspricht — ohne spezifische Prüfergebnisse. Geeignet nur für unkritische Anwendungen ohne Rückverfolgbarkeitsanforderungen.

Typ 2.2 — Werkszeugnis

Der Hersteller bescheinigt spezifische Prüfergebnisse, die aber nicht chargenspezifisch sein müssen. Ein Werkszeugnis 2.2 kann Losprüfwerte enthalten, nicht zwingend Werte der gelieferten Charge.

Wann ausreichend: Allgemeiner Maschinenbau ohne besondere Sicherheitsanforderungen, Kaufteile für unkritische Anwendungen.

Typ 3.1 — Abnahmeprüfzeugnis

Das Abnahmeprüfzeugnis 3.1 enthält chargenspezifische Prüfergebnisse für das tatsächlich gelieferte Material. Es wird vom Hersteller ausgestellt und durch einen beauftragten, vom Fertigungsbereich unabhängigen Sachkundigen bestätigt.

Pflicht bei: EN 1090-2 für Baustähle der Güte über S275 (z. B. S355, S460 — EN 1090-2:2018 Tabelle 1), Druckgeräte nach PED 2014/68/EU (typischerweise ab Kategorie II), Schienenfahrzeuge, Schweißkonstruktionen mit erhöhten Anforderungen.

Typ 3.2 — Abnahmeprüfzeugnis mit unabhängiger Prüfung

Wie 3.1, jedoch zusätzlich durch eine unabhängige Prüfstelle (TÜV, Lloyd's, Bureau Veritas) oder direkt durch den Auftraggeber bestätigt. Höchste Zuverlässigkeitsstufe.

Pflicht bei: Nur wenn der Auftraggeber es vertraglich vereinbart — EN 1090-2 Tabelle 1 fordert nie ein 3.2, auch nicht für EXC4. Üblich vereinbart wird 3.2 z. B. bei Kernkraftwerken, Offshore-Strukturen und besonders sicherheitskritischen Anlagen.

Was muss ein Zeugnis 3.1 enthalten?

Ein vollständiges Abnahmeprüfzeugnis 3.1 enthält mindestens:

  • Name und Anschrift des Herstellers
  • Erzeugnisbezeichnung (z. B. Flachstahl EN 10025-2 S355JR+N)
  • Bestellnummer und Lieferposition
  • Masse, Stückzahl oder Länge
  • Schmelznummer / Chargennummer — der wichtigste Rückverfolgbarkeits-Anker
  • Chemische Zusammensetzung (Schmelzanalyse und ggf. Stückanalyse)
  • Mechanische Kennwerte: Streckgrenze (Re), Zugfestigkeit (Rm), Bruchdehnung (A), Kerbschlagarbeit (KV) falls gefordert
  • Verweis auf Produktnorm (EN 10025-2, EN 10210-1 etc.)
  • Stempel und Unterschrift des Sachkundigen

EN 1090-2: Welcher Zeugnis-Typ für welches Erzeugnis?

Anders als oft behauptet, hängt der geforderte Zeugnistyp nach EN 1090-2:2018 Tabelle 1 nicht von der Ausführungsklasse (EXC1–EXC4) ab, sondern von Erzeugnis und Stahlgüte:

| Erzeugnis / Güte | Mindest-Zeugnistyp (EN 10204) | |---|---| | Baustahl ≤ S275 | 2.2 (Werkszeugnis)* | | Baustahl > S275 (z. B. S355, S460) | 3.1 (Abnahmeprüfzeugnis) | | Nichtrostender Stahl, Rp0,2 ≤ 240 MPa | 2.2 (Werkszeugnis) | | Nichtrostender Stahl, Rp0,2 > 240 MPa | 3.1 (Abnahmeprüfzeugnis) | | Stahlguss | 3.1 (Abnahmeprüfzeugnis) † | | Schweißzusätze | 2.2 (Werkszeugnis) |

* Fußnote a der Tabelle 1: Auch bei Güte ≤ S275 ist ein 3.1 erforderlich, wenn Kerbschlagzähigkeit bei Temperaturen unter 0 °C spezifiziert und geprüft ist (z. B. J2-/K2-Güten). Quelle: EN 1090-2:2018, Tabelle 1.

† Fußnote c der Tabelle 1: Bei Stahlguss genügt ein 2.2, wenn die festgelegte Mindeststreckgrenze ≤ 355 MPa beträgt und die Kerbschlagarbeit bei 20 °C geprüft ist.

Die Ausführungsklasse steuert dagegen Rückverfolgbarkeit und Prüfumfang, nicht den Zeugnistyp: Ab EXC3 müssen Erzeugnisse jederzeit ihrer Schmelze bzw. Charge zuordenbar sein (EN 1090-2 Abschnitt 5.2). Das bedeutet: Jedes Bauteil in der Fertigung muss eindeutig auf eine Charge zurückgeführt werden können — von der Materialbestellung bis zum fertigen Tragwerk. Ein Zeugnis ohne Schmelznummernbezug ist für EXC3 nicht ausreichend.

Ein Abnahmeprüfzeugnis 3.2 fordert EN 1090-2 Tabelle 1 an keiner Stelle — auch nicht für EXC4. Es ist nur dann erforderlich, wenn der Auftraggeber es vertraglich vereinbart (üblich z. B. bei Brücken, kerntechnischen Anlagen oder Offshore-Strukturen).

Häufige Fehler bei Werkstoffzeugnissen

1. Falscher Zeugnis-Typ eingekauft EN 1090-2 fordert für S355 ein 3.1 — Lieferant schickt 2.2. Das kann die CE-Konformität gefährden.

2. Schmelznummer fehlt Ohne Schmelznummer ist keine Chargenrückverfolgung möglich. Bei EN 1090 EXC3 und EXC4 ist das ein non-konformes Zeugnis.

3. Zeugnis kommt nicht mit der Lieferung Werkstoffzeugnis liegt erst 3 Wochen nach Lieferung vor — Produktionsverzögerung durch fehlende Freigabe.

4. Zeugnisse nicht strukturiert archiviert Bei einem Audit werden Zeugnisse nicht gefunden — stundenlanges Suchen in E-Mail-Ordnern und auf Laufwerken.

5. Händler hat Zeugnis geändert EN 10204 Klausel 4.2: Händler dürfen Zeugnisse nicht ändern oder neu ausstellen. Das Original muss unverändert weitergegeben werden.

Digitale Zeugnisformate: EN 10168

EN 10204 regelt was im Zeugnis stehen muss — EN 10168 (Stahlerzeugnisse: Prüfbescheinigungen, Liste und Beschreibung der Informationen) regelt das strukturierte Datenformat. Die Norm definiert standardisierte XML-Datenfelder für den elektronischen Austausch von Werkstoffzeugnissen zwischen Hersteller, Händler und Verarbeiter.

In der Praxis nutzen größere Stahlhersteller EN 10168 zur maschinenlesbaren Auslieferung; viele KMU bekommen Zeugnisse aber weiterhin als PDF. Eine Software, die sowohl PDFs als auch EN-10168-XML verarbeiten kann, bildet die Brücke zwischen beiden Welten und vermeidet manuelles Abtippen von Schmelzanalysen.

Digitale Zeugnisverwaltung: Was bringt sie?

Papierbasierte oder Excel-gestützte Zeugnisverwaltung ist fehleranfällig und zeitaufwendig. Die typischen Kosten:

  • 10-20 Minuten Suchaufwand pro Zeugnis bei Rückverfolgungsanfragen
  • Stundenlange Vorbereitung vor ISO 9001 oder EN 1090 Audits
  • Fehler bei der Übertragung von Schmelznummern in Excel-Tabellen

Eine Software wie der ZeugnisManager zentralisiert Zeugnisse, verknüpft sie automatisch mit Chargen und Fertigungsaufträgen und erstellt Audit-Exporte in Minuten.

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Fazit

EN 10204 Werkstoffzeugnisse sind keine Bürokratie — sie sind die Basis für sichere Produkte und bestandene Audits. Der richtige Zeugnis-Typ, vollständige Inhalte und revisionssichere Archivierung sind nicht optional, sondern normative Anforderung in EN 1090, ISO 9001 und IATF 16949.

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